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Suspekte Urinstinkte

Wirtschaftswissenschaftler Robert J. Shiller entdeckt den Irrationalismus wieder, aber wie konsequent sind seine Argumente?

Von Daniel Mufson
Erst erschienen in Der Freitag (online), 19. November 2009.

“Systemisch” war das Wort, das mit der Finanzkrise in unseren Wortschatz Einzug hielt. Die Branche erlebte das Versagen eines ganzen Systems, darin sind sich viele einig. Aber was ist die Quelle und das Wesen dieses Versagens? Genau wie in früheren Krisen gibt es auch heute eine geschlossene Front, die nur über das Übel des Kapitalismus wettert und sich über seinen Tod Gedanken macht. Es sind die Nachkommen der Ideologen, die vor 80 Jahren oder mehr über den “Spätkapitalismus” zu reden angefangen haben. Dann gibt es diejenigen, die die Verantwortung für die Krise bei Individuen, Finanzprodukten, Organisationen oder sogar ganzen Ländern suchen und wahlweise Alan Greenspan, dem Derivate-Handel, Fannie Mae, Hypo Real Estate oder die USA zu Schuldigen machen. Einzeln und für sich genommen klingen solche Argumente reduktiv, zusammen klingen sie glaubwürdiger, aber auch nicht adäquat umfassend. Erst bei einer „verhaltensorientierten Finanzierungslehre” – wobei Aspekte der Psychologie, Soziologie und anderen Fachgebieten mit der Wirtschaftswissenschaft kombiniert werden – fängt man an, die tieferliegenden Anlässe einer solchen Krise zu verstehen.

Einer der bekanntesten Verfechter der Integration von traditioneller Wirtschaftswissenschaft mit verhaltensorientierter Finanzierungslehre kam jüngst als Gast der American Academy nach Berlin. Robert J. Shiller, Wirtschaftsprofessor der Yale Universität, zählt zu den wenigen, die bereits vor dem Platzen der Aktienmarktblase 2000 als auch der Immobilienblase 2006 gewarnt hatten. Als Analyst wirtschaftlicher Entwicklungen erläutert Shiller Einsichten, die privaten Individuen und politischen Entscheidungsträgern von Nutzen sein könnten. Doch oft wirkt sein Verständnis von Politik fragwürdig, und sein Benehmen als Geschäftsmann erscheint seine eigenen Lehrsätze zu widersprechen.

In einem Saal der Deutschen Bank beschrieb Shiller die Thesen seines für Laien geschriebenen Buches Animal Spirits, geschrieben mit Nobel Preisträger George A. Akerlof. Der Titel bedeutet soviel wie „Urinstinkte“ und bezieht sich auf ein Zitat des Ökonomen John Maynard Keynes. Urinstinkte, meinte Keynes, können Märkte zu Extremen treiben. Obwohl Keynes das irrationale Benehmen des Menschen erkannt hat, vernachlässigen Wirtschaftswissenschaftler stets diesen Aspekt, meint Shiller. Seit Jahrzehnten werden wirtschaftliche Phänomene analysiert, als wäre der Mensch ein rationales Wesen, trotz aller gegenteiligen Beweise. Shiller und Akerlof versuchen, diese vernachlässigten Einsichten Keynes mit aktuellen Studien der Verhaltensökonomie zu ergänzen. Dabei erklären sie auch Aspekte der aktuellen Krise und ihre Ideen, wie man die Probleme beseitigen und künftige Krisen verhindern könnte.

Animal Spirits diskutiert viele interessante Ideen, nicht immer ganz neu, wenn man die Werke von Hyman Minsky, Dan Ariely, Daniel Kahneman und anderen kennt. Ein Beispiel: Die Wahrnehmung von Fairness – oder ihre Abwesenheit – kann dazu führen, dass sich Menschen gegen ihre ökonomischen Interessen verhalten. „Geldillusion“ oder die Tendenz, Auswirkungen von Inflation zu unterschätzen, kann dazu führen, dass ungünstige Arbeitsverträge unterschrieben werden oder das Geld falsch angelegt wird. Deswegen, so Shiller, sollen Arbeitsverträge Klauseln haben, durch die Gehaltserhöhungen an einem Inflationsindex gekoppelt sind – trotz Kritik von anderen Wissenschaftlern, dass solche Klauseln selbst inflationär wirken könnten. Shillers Fazit: Kapitalismus funktioniert, aber er funktioniert viel besser, wenn die Regierungen gegen die Schwächen der menschlichen Natur steuern.

Shiller und sein Buch lassen bewusst viele Fragen offen, was manchen Zuhörer an dem Berliner Abend verärgerte. Ein Banker lobte das Buch, beschwerte sich aber, dass es ihm keine Hilfestellung war, die richtigen Investmententscheidungen zu treffen. Das eigentliche Problem sind jedoch nicht die offenen Fragen, sondern gewisse Widersprüche, die Shiller überspielt.

Shiller kritisiert das Sparverhalten der Amerikaner, lobt aber gleichzeitig China, Singapur und Malaysia für ihre hohen Sparquoten. Shiller sagt immer wieder, dass wir eine „Demokratisierung des Finanzsystems“ brauchen, obwohl es gar nicht klar ist, inwiefern die Demokratie überhaupt der amerikanischen Wirtschaftspolitik (oder anderen Staaten) geholfen hat. Die überwiegenden Beispiele in Animal Spirits beweisen eher die Inkompetenz der Bürger bei wirtschaftlichen Entscheidungen. Wo merkt Shiller positive Entwicklungen? Selten dort, wo Individualismus und widerspenstiger Konflikt lebendige Demokratien prägen. Akerlof und Shiller loben Lee Kuan Yew, Singapurs Premierminister von 1959 bis 1990, als „wohl einen der wichtigsten wirtschaftlichen Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts“. Gleichzeitig war er mit dafür verantwortlich, dass die regierungsunabhängige Organisation Freedom House Singapur als nur „zum Teil freies“ Land beschreibt und die Economist Intelligence Unit Singapur als ein „hybrides Regime“ mit demokratischen und autoritären Zügen klassifiziert.

Nicht dass Shiller antidemokratisch ist. Er hat einen äußerst ökonomischen Demokratiebegriff. Der im Wesentlichen bedeutet, dass Otto Normalverbraucher Zugang zu Investmentprodukte haben soll, der vor zehn Jahre kaum für möglich gehalten wurde. Das wird erst jetzt durch ein Spektrum von ETFs (Exchange Traded Fonds) und ähnliche Produkte, die – übrigens! – von Professor Shillers Firma emittiert sind. In seiner Rede im Deutschen Bank wurde das nicht genau artikuliert, aber im Interview mit dem Handelsblatt am 30. September sagte Shiller in Bezug auf die Immobilienblase – und die Demokratisierung der Risiken:

Es hätten Massenprodukte entwickelt werden können wie eine Versicherung der eigenen Immobilie gegen die Folgen einer geplatzten Spekulationsblase. […]
Erst 2006 wurde ein neuer Anlauf für einen Futures-Markt für Einfamilienhäuser unternommen. Die Chicago Mercantile Exchange schuf in Zusammenarbeit mit mir und meinen Kollegen von MacroMarkets LLC Futures-Märkte für zehn US-Städte und einen aggregierten Index, der die S&P/Case-Shiller-Hauspreisindizes nutzte, die Karl Case und ich ursprünglich entwickelt hatten. Diese Märkte hatten zunächst bescheidenen Erfolg.

Shiller ist neben seiner Tätigkeit als Professor Gründer von MacroMarkets LLC, einer Investmentfirma, die Sicherheiten schafft, vermarktet und verkauft. Zur Zeit bieten sie in den USA zwei Arten von „MacroShares“ an: „Major Metro Housing Down“ und „Major Metro Housing Up“. Jemand, der in „Major Metro Housing Down“ investiert, gewinnt einen dreifachen Hebeleffekt, sobald die durchschnittlichen Immobilienpreise in zehn Städten sinken. „Major Metro Housing Up“ bedeutet das Gegenteil mit selbem Hebeleffekt. Shiller erklärte dem Freitag, MacroShares wolle andere Produkte einführen, die an Rohstoffe und andere Indexe gekoppelt sind. Für ihn sind solche Produkte als Mittel, womit alle, Individuen wie Firmen, ihre Finanzen sichern können.

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