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Meistens ist es ja leider tot.

Es ist ein Kreuz: Ein Amerikaner staunt über das Telekom.

Von Daniel Mufson
Erst erschienen in der taz (die tageszeitung), 3. April 1996, S. 20.
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Gewalt in Demokratien, die es ihren Bürgern ermöglichen, ihre Klagen auf friedlichem Wege loszuwerden, ist immer zu verurteilen. Als letzte Zuflucht für Menschen allerdings, die nichts zu sagen haben und gegen ein System kämpfen, das ganz offensichtlich kein Interesse an Verhandlungen oder Reformen hat, sind gewisse Formen von Gewalt durchaus berechtigt: der Widerstand im Dritten Reich zum Beispiel oder der ANC gegen die Apartheid. Anti-demokratische Verhältnisse erfordern eben drastische Reaktionen.

Stellen Sie sich meinen Schock vor, als ich jetzt mitten in Deutschland auf so eine provokative, anti-demokratische Struktur stieß. Sie schlägt den Deutschen aufs Gemüt und geht—wie viele totalitäre Systeme—davon aus, dass jeder Kritiker wahnsinnig oder irregeleitet sein muss. Ich spreche natürlich von der Deutschen Telekom.

Aber was würde es nützen, wenn plötzlich die RAF wieder auftauchte und anfinge, Telekom-Büros in die Luft zu jagen und dabei Abrechnungsunterlagen zu zerstören, aber keine Menschen? Nein. Die Telekom würde nämlich einfach irgendeine (natürlich hohe) Phantasiezahl auf unsere Rechnung setzen. Tut sie ja ohnehin schon. Nein, das einzige, was man mit Gewalt erreichen würde, wäre eine kollektive Katharsis. Obwohl ich so ein bisschen Katharsis eigentlich gut brauchen könnte.

In den sechs Monaten, die ich jetzt in Berlin lebe, habe ich es mit einem Telfon zu tun, das regelmäßig tot ist. Die wenigen Tage, wo das nicht der Fall ist, rauscht es in der Leitung. Und diese wertvollen Dienste kosten auch noch astronomische Summen.

Neulich fand ich was sehr Seltsames auf meinem Anrufbeantworter: Ein Freund hatte statt mir irgendeine Berlinerin an der Strippe. Diese Frau sagte, es sei nicht das erste Mal, dass sie für mich bestimmte Anrufe erhalten hätte. Offenbar habe ich etwas, das meine Eltern „Gemeinschaftsanschluss“ nennen. Ich kenne so was nicht, in den USA wurde derlei bereits Jahrzehnte vor meiner Geburt abgeschafft. Doch jetzt bekomme ich wenigsten eine Ahnung davon, wie das damals war, als meine Eltern weder anrufen noch angerufen werden konnten, weil irgendwo irgendwer mit seiner Tante Sally plauderte. Das einzig Gute an dem Telekom-Abrechnungsdebakel an Neujahr war, dass wer auch immer meinen Anschluss mit mir teilt, offenbar abgeschreckt wurde. Jedenfalls ist mein Telefon nicht mehr ganz so oft tot, was nichts anderes bedeuten kann, dass Frau X nicht mehr so oft mit ihrer Tante Sally oder sonst wem telefoniert.

Aber tot ist es natürlich immer mal wieder. Das hat jedoch nichts mit meinem Gemeinschaftsanschluss, sondern etwas mit Leitungsproblemen zu tun hat. Heute zum Beispiel. Ich gehe dann immer einfach ein Stück die Straße runter, vorbei and den hübschen Telekom-Zellen, die da seit fünf Monaten ohne Telefone herumstehen. Und gehe weiter zu diesem alten deutschen Münztelefon, das seinerseits keine Zelle hat. Von dort die Störungsstelle anzurufen, war gar nicht so schlecht. Ist doch gut, mal an die frische Luft u kommen, und es ist auch schon viel wärmer als damals, als ich mal den Reparturdienst angerufen habe.

„Telefonieren ist viel günstiger, als man denkt.“ Habe ich schon erwähnt, dass meine Märzrechnung 480 Mark betrug? Die meisten Gespräche waren beruflicher Natur, denn als freier Journalist brauche ich mein privates Telefon eben auch für meine Arbeit. Wenn ich eine aufgeschlüsselte Telefonrechnung bekommen könnte, könnte ich die beruflichen Gespräche in Amerika von der Steuer absetzen. Ich schickte also 17 Mark nebst einiger Antragsformulare an die Telekom—für einen Service, der in den USA und Kanada übrigens obligatorisch und kostenlos ist. Zurück kam ein Brief, der mich darüber informierte, dass ich keinen digitalisierten Anschluss hätte und deshalb keine aufgeschlüsselte Rechnung bekommen könnte.

„Telefonieren ist viel günstiger, als man denkt.“ Diesen Slogan benutzt die Telekom wie ein Mantra, um die Deutschen zu hypnotisieren, Plakatwand an Plakatwand. Eine alte Taktik aller moralisch bankrotten Regime: Wiederhole eine Lüge nur lange genug, irgendwann werden die Leute anfangen, sie zu glauben. Außerdem liebe ich die Logik steigender Telefonrechnungen—die ja angeblich Kosten decken sollen. Nächstes Jahr wird die Telekom wahrscheinlich die Gebühren wieder erhöhen und darüber klagen, dass sie schließlich die Kosten für die diesjährige Kampagne wieder reinholen muss und um jedermann davon zu überzeugen, dass die Dinge nicht mehr so schlecht stehen wie im vergangenen Jahr.

Jedesmal, wenn ich diese Werbung sehe, die mir einflüstert, wie überaus günstig es für mich ist, mein ganzes Geld einer Telefongesellschaft in den Rachen zu werfen, frage ich mich: „Wissen die Deutschen eigentlich, dass in anderen Ländern Ortsgespräche umsonst sind? Und dass ihre Ferngespräche viel teurer sind als anderswo?“ Wenn ich das Telekom-Logo sehe, sehe ich kein lavendelfarbenes „T“. Ich sehe vielmehr ein lavendelfarbenes Kruzifix, an dem die Deutschen für die Sünden eines einzelnen Konzerns büßen.

Prophezeiung: Der 1. Januar 1998 wird als „zweite Befreiung Deutschlands“ in die Geschichte eingehen. Prophezeiung: Die Neue Wache unter den Berliner Linden wird umgewidmet, um auch die Opfer von Telekommunikationsmonopolen zu erfassen. Prophezeiung: Das Interesse an den Stasi-Akten verblasst völlig angesichts der bald zu öffnenden Telekom-Akten. Die werden eine lange und skandalöse Geschichte falscher und erfundener Telefongebühren enthüllen, eine vorsätzliche Täuschung des deutschen Volks.

Ich schlage vor, an der Stelle eines der jetzigen Telekom-Läden, die später ohnehin mal dem Erdboden gleichgemacht werden, ein Mahnmal zu errichten—in Form eines Riesentelefons. In seine Marmoroberfläche sollen die Namen aller Telekom-Opfer graviert werden. Die leeren Telefonzellen bei mir um die Ecke sollten leer bleiben und zu Ruinen verfallen. So dass Passanten sie sehen und über den Müll hemmungsloser Bürokratie nachdenken können.

Ich glaube, ich sollte künftig Briefe schreiben. Habe ich schon erwähnt, dass das Porto in Deutschland doppelt so hoch ist wie in Amerika?

Erst erschienen in der Tageszeitung, 3. April 1996, S. 20.
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