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Frischer Wind für William Hurt

“Das Gelbe Segel”: William Hurt hat einen Film gefunden, in dem er länger als 15 Minuten zu sehen ist

Von Daniel Mufson
Erst erschienen in Der Freitag (online), 20. November 2009.

Was ist eigentlich aus William Hurt geworden? In den Achtzigern galt Hurt, dank Filmrollen wie Body Heat – Eine Heisskalte Frau, Der Kuss der Spinnenfrau, Broadcast News und Die Reisen des Mr. Leary als geachteter Hauptdarsteller, glamourös und seriös zugleich. Er studierte Schauspiel an der berühmten Juilliard School in New York, hatte auch einen ungewöhnlichen Background als Sohn eines Diplomats, ist in Ländern wie Guam und Sudan groß geworden, wurde später Stiefsohn von Henry Luce III, Erbe des Time-Life Medienkonzerns. Man erwähnte ihn in einem Atemzug mit Meryl Streep und anderen Topschauspielern. Dann folgten aber Jahre mit kleineren Rollen in kleineren Filmen. In letzter Zeit lobte man ihn nur gelegentlich, zum Beispiel für seine Arbeit als Bösewichte in A History of Violence, aber Hollywood hat ihn schon längst als Hauptdarsteller abgeschrieben.

Melancholie und Reisen

Im Bereich des Indiefilms kann man jedoch gegen das Urteil in Hollywood ankämpfen. Genau das macht Hurt in Das Gelbe Segel, ein ruhiger Roadmovie um Brett Hansen, einem ehemaligen Bohrinselarbeiter, der wegen fahrlässiger Tötung gerade sechs Jahre im Knast verbrachte. Jetzt will er nach New Orleans fahren, um seine Ex-Frau May (Maria Bello) zu suchen – um herauszufinden, ob sie ihn noch haben will. Er fährt per Anhalter mit zwei Teenagern, der fünfzehnjährigen Martine (Kristen Stewart), einem melancholischen Mädchen auf die Suche nach Liebe, und Gordy (Eddie Redmayne), einem ungeschickten Jungen, der nicht weiss, wie er zum Objekt Martines Begierde werden kann.

Am Anfang dient Brett als eine Art Mentor für beide, mit Weisheiten wie: „Frauen haben keine Angst, uns zu sehen, wie wir wirklich sind. Für sie ist Liebe etwas Persönliches.“ Am Ende dieses Indiefilms mit Hollywood-Ending gibt es einen Rollentausch, wobei das junge Paar Brett etwas über sich beibringen und ihm Mut machen will, seine Suche nach May zu Ende zu führen. Zwischendurch lernen wir durch zahllose Flashbacks, was für eine Beziehung Brett mit May damals hatte und wie Brett dazu kam, sechs Jahre hinter Gittern verbringen zu müssen.

Die Handlung bietet wenige Überraschungen, der Dialog wird keine Preise gewinnen. Der formelhafte Film gelingt aber doch zum Teil als Charakterstudie, als Schauplatz für Hurt und seine Bemühungen, uns zu erinnern, warum er einst vier Oscar Nominierungen erhielt. Noch hat Hurt die Leinwandpräsenz eines Stars, und die Vielfalt seiner erfolgreich gespielten Rollen, die er im Gelben Segel weiterführt, ist nicht kleinzureden.

Der zweite Hauptdarsteller

Man vergisst aber nie, dass man William-Hurt-dem-Schauspieler zuschaut. Er hat eine eigentümliche, fast außerirdische Art und Weise, anderen Schauspielern zuzuhören und auf sie zu reagieren: Er schweigt, meditiert, schaut in die Ferne als würde er nachdenken, „O-ha. So benehmen sich die Geschöpfe auf diesem Planeten.“ Wenn man ihm diese Gewohnheit verzeiht, kann man ihn als subtilen, intelligenten Interpreten seiner Rollen goutieren, auch hier, wo er als unausgebildeter Arbeiter mit südlichem Akzent gegen sein intellektuelles Image kämpft.

Die anderen Schauspieler arbeiten auch auf hohem Niveau, trotzdem ist die zweitwichtigste Kraft auf der Leinwand die Landschaft. Das Gelbe Segel spielt in Louisiana, zum Teil in New Orleans nach Hurrikan Katrina, und der Film wurde vor Ort gedreht. Die ländlichen Gebiete ausser New Orleans wirken gespenstisch, voller verlassener, baufälliger Gebäude. New Orleans selbst ist im Vergleich zu ihrer früheren Inkarnation relativ menschenleer, steht gleichwohl als mehrdeutiges Symbol der Grausamkeit der Zeit und des Schicksals, als Symbol menschlicher Fehlbarkeit und auch Robustheit.

In diesem Kontext wäre es übertrieben, über die essentielle Schönheit der Ruinen zu sprechen, aber die Umgebung bleibt ein wichtiger Bestandteil eines Filmes, der so oft zeigt, wie alles schief geht – und wie wir damit umgehen. Wie Gordy Martine erzählt, wenn er anfängt, Brett höher zu schätzen: „Er ist so gut wie jeder andere – er hat halt alles versaut.“

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