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Rezension: Eléonore de Montesquiou: Vabrik

Eléonore de Montesquiou: Vabrik
Antje Wachs Gallery, Charlottenstr. 3, bis 21 Apr. 2012.

Das estnische Wort „Vabrik“ und sein deutsches Pendant „Fabrik“ stammen vom lateinischen fabricare, herstellen ab. Auf Englisch hat es weitere Bedeutungen, die in der aktuellen Ausstellung der französisch-estnischen Künstlerin Eléonore de Montesquiou widerhallen. Fabric heißt soviel wie Textil und fabrication unter anderem Lüge, erfundene Geschichte.

Dieses etymologische Dreieck bildet das unsichtbare Fundament von Montesquious Ausstellung über die Geschichte und den Mythos einer Textilfabrik in der Grenzstadt Narva, mit 65.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Estlands. Montesquious Videos, auf Russisch mit englischen Untertiteln und meist in Schwarzweiß gedreht, erzählen vom Untergang der Fabrik und dem tristen Leben in einer Stadt, deren Bewohner sich als Opfer der Geschichte und Globalisierung sehen. Die Videos sind von Archivaufnahmen aus der Sowjetära umgeben, die, ebenfalls im Schwarzweiß, produktive und zufriedene Arbeiter zeigen. Gegründet 1857 von einem Bremer Kaufmann, blieb die Kreenholm Fabrik auch während der Sowjetherrschaft in Betrieb, 1994 übernahm sie eine schwedische Firma und schloss sie 15 Jahre später.

Montesquiou hat mit einer ehemaligen Dreherin der Fabrik gesprochen, einem jungen Mann, der Narva verlasen hat, und mit estnischen Jugendlichen, de bereden, ob sie lieber in Tallinn oder in St. Petersburg leben wollen. Formal betrachtet sind die Interviews eher zahm: Manchmal hören wir den Sprecher und schauen auf eine schwarze Mattscheibe, manchmal sehen wir den Sprecher erst, wenn nichts gesagt wird. Zudem spielt die Künstlerin mit nostalgischen Bildern, etwa wenn sie die Erinnerungen der Dreherin an die Fabrik mit Aufnahmen einer Frau gegenschneidet, die sich in Zeitlupe durch einen Wald bewegt. Montesquiou spielt hier die Rolle einer Autoethnografin. Die Künstlerin, geboren 1970 in Paris, lebt in Berlin und Tallinn und thematisiert schon seit Jahren den Einfluss von Grenzen und wirtschaftspolitischem Wandel auf das Leben in Ost-europa. In der aktuellen Ausstellung sammelt sie Geschichten über ein verschwundenes Werk sowie Gefühle und Erinnerungen von Menschen, die ebenfalls bald fort sein werden: von Jugendlichen, die wegziehen, und von Älteren, die uns daran erinnern, dass in der griechischen Mythologie das Leben von Schicksalsgöttinnen gewoben wurde und endete, als Atropos den Faden zerschnitt.

Veröffentlicht in Zitty, 7.-20. April 2011, S. 101.

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