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Jenseits der Spielregeln

Das Kuratorenteam von „based in Berlin“ über Berliner Kunst und Kulturpolitik – und seine Ausstellung
Daniel Mufson

Egal, wo die Debatte über eine Kunsthalle für Berlin gerade steht: Jetzt kommt die Ausstellung „based in Berlin“, die zumindest aus Sicht des Regierenden Bürgermeisters beweisen soll, dass eine Kunsthalle gebraucht und begeistert besucht wird. Nach einem Aufruf an Künstler, sich für die Ausstellung zu bewerben, rund 1.000 Einsendungen, einem Protestbrief, nach vielen öffentlichen und halböffentlichen Diskussionen und der Verlagerung der Hauptausstellung vom Baugelände am Hauptbahnhof in die Atelierhäuser des Monbijou-Parks werden nun Arbeiten von rund 80 Berliner Künstlern an fünf Ausstellungsorten gezeigt. Die landeseigene Kulturprojekte GmbH richtet die mit 1,4 Millionen Euro finanzierte Schau aus. Fredi Fischli, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger und Scott Cameron Weaver sprachen mit zitty über ihre Ausstellung und deren Vorbereitung. Angelique Campens konnte an dem Gespräch nicht teilnehmen.

Ihre Ausstellung ist umstritten. Gibt es Künstler, die Sie eingeladen haben und die nicht an „based in Berlin“ teilnehmen wollen?

Fredi Fischli, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger: Doch, ja.

Magiera: Als der Offene Brief „Haben und Brauchen“ erschien …

… Anfang des Jahres, mitinitiiert von dem Künstler Florian Wüst und der Kuratorin Ellen Blumenstein vom Salon Populaire …

Magiera: … da gab es einige Missverständnisse. Manche haben den Brief als Aufruf zum Boykott von „based in Berlin“ gelesen, andere einfach als Liste kulturpolitischer Forderungen. Bei unseren Atelierbesuchen ging es oft erst einmal um den Brief und um das, was wir Kuratoren überhaupt wollen. Das war toll, dass das angesprochen wurde.

Herr Fischli, Sie haben einmal gesagt, dass diese Ausstellung notwendig sei, weil so viele Berliner Künstler anderswo bekannter sind als hier. Warum?

Fischli: Es gibt erfolgreiche Künstler, die in Berlin leben und arbeiten, aber nicht hier, sondern in London, New York oder Paris ausstellen. Deshalb sind sie in der Stadt nicht als Künstler sichtbar.

Institutionen wie das Haus der Kulturen der Welt oder der Neuer Berliner Kunstverein stellen jedoch inzwischen öfter hiesige Künstler aus.

Magiera: Die Institutionen können all die Kunst der Stadt nicht covern. Das ist einfach zu viel. Zwar zeigen auch Galerien Berliner Kunst, aber sie arbeiten mit einem ganz anderen Ziel und würden nicht unbekannte Künstler mal kurz auf eine Show einladen.

Weaver: Und sie haben ein ganz anderes Publikum.

Schillinger: Es geht bei unserer Ausstellung darum, diese große Aktivität in Berlin einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Publikum, das Galerien besucht, ist ein Fachpublikum.

Was haben Sie bei Ihren Recherchen in Berliner Ateliers erfahren?

Schillinger: Kunst existiert in der Abgrenzung zur Massenkultur, und die hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Jeder macht heute Videos und veröffentlicht sie auf YouTube, jeder macht und bearbeitet Fotos, alle schreiben in Blogs, so dass quasi jeder Mensch ein Künstler ist. Künstler stellt das vor die Frage: Wenn jeder Mensch sich wie ein Künstler verhält, was macht denn dann einen Künstler aus? An den Antworten arbeiten sie mit unterschiedlichen Strategien. Viele setzen sich mit den neuen Techniken auseinander oder nutzen auch selbst die erwähnten Medien.

Und was haben Sie über die Berliner Kunstszene gelernt?

Fischli: Sie funktioniert über verschiedene Szenen, die sich um unterschiedliche Ausstellungsräume oder Atelierhäuser gruppieren. Diese Welten koexistieren parallel nebeneinander.

Welchen ästhetischen oder politischen Kriterien sind Sie bei Ihrer Auswahl gefolgt?

Magiera: Selbstverständlich haben wir Fünf Neigungen und Interessen. Wenn uns Themen und Arbeiten aufgefallen sind, haben wir jedoch immer gemeinsam darüber gesprochen, auch im Zusammenhang mit der Ausstellung: Welche Künstler könnten interessant zusammenarbeiten? Oder aber auch: welche nicht?

Fischli: Es gab zwei Spielregeln. Die Künstler müssen in Berlin arbeiten und in den vergangenen fünf Jahren sichtbar geworden sein. Das lässt noch sehr viel offen. Und dann gab es die Diskurse und Tendenzen, von denen Jakob eben gesprochen hat. Das Politische kann man natürlich anwenden, aber es wird inflationär gebraucht.

Welches Ausstellungskonzept ist dabei herausgekommen?

Magiera: Es gibt dezidiert kein übergeordnetes Thema.

Fischli: Die Ausstellung ist eine Momentaufnahme, die zeigt, was hier passiert.

Gab es Künstler, die für Sie eine Entdeckung waren?

Weaver: Klar, viele! Gerry Bibby zum Beispiel aus Australien. Bibby baut, inspiriert von einer Arbeit Robert Rauschenbergs im Hamburger Bahnhof, eine eigene Skulptur, die wir ebenfalls im Hamburger Bahnhof zeigen werden. Sie heißt „Exit Options“ – Bibby baut in dem Museum Notausgänge. Seine „Exit Options“ sind Wege raus aus diesen Ausstellungsstrukturen und in die Welt hinein.

Wieweit hat die Politik „based in Berlin“ beeinflusst?

Schillinger: Unsere Entscheidungen haben natürlich Bedeutung in Hinblick auf die aktuelle kulturpolitische Frage, wie Berlin Investitionen in die Gegenwartskunst tätigen soll. Und entsprechend haben wir auch entschieden – etwa den Künstlern auf jeden Fall Ausstellungshonorare zu zahlen, zusätzlich zu den Produktionskosten ihrer Arbeit, und möglichst viel vom Budget in die Kunstproduktion fließen zu lassen und nicht etwa in eine aufwändige Architektur. Wir haben von Anfang an das Gespräch gesucht, waren beispielsweise an der ersten Diskussionen im Salon Populaire im Dezember 2010 beteiligt, und das hat unsere Entscheidungen auch geprägt.

Was müsste noch auf die Agenda?

Schillinger: Einmal ganz konkret: Immer mehr Künstler, die noch vor einigen Jahren günstige Ateliers in Mitte gefunden haben, werden jetzt – wie andere Bewohner des Stadtteils übrigens auch – verdrängt. Zudem geht es um grundsätzliche Fragen nach der Funktion von Kunst in der Gesellschaft und ob Kunst überhaupt Kriterien wie Leistung und Vergleichbarkeit unterworfen sein soll. Da hilft es nicht, das Aussehen einer geplanten Kunsthalle zu ändern oder die Bezeichnung einer Ausstellung.

Die Kulturpolitiker, die Ihr Vorhaben initiiert haben, sprechen nicht mehr von einer „Leistungsschau“.

Schillinger: Wenn man Kunst als eine Sphäre etablieren will, die frei von gesellschaftlichen Zwängen wie Wettbewerb ist, muss man nicht den Titel einer Ausstellung ändern, sondern die Gesellschaft.

Erst erschienen in Zitty, 2. Juni – 15. Juni 2011, S. 90 – 91.

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