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Die vielen Gesichter Obamas

Der Obama-Regierung geht’s nicht gerade glänzend, aber O! war der Wahlkampf schön. Das belgt eine Sammlung von Plakaten aus der Kampagne

Von Daniel Mufson
Erst erschienen in Der Freitag (online), 4. Dezember 2009.

Ich habe für Obama gestimmt, für seine Kampagne gespendet und obwohl ich mitunter sehr enttäuscht bin, bedaure ich es nicht. Heute fällt es jedoch schwer, keinen Anflug von Traurigkeit und Irritation zu verspüren, wenn man durch die Sammlung von Obama-Wahlpostern blättert, die jüngst im Taschen Verlag erschienen ist.

Der Enthusiasmus der Kampagne, der den Katalog überhaupt erst möglich machte, ist verbraucht. Die demokratische Mehrheit im Kongress ist durch interne Zänkereien geschwächt, und Obama, der durch die „außerordentliche Überstellung von Terrorverdächtigen“ (secret renditions) und den Bann Homosexueller aus dem Militär die Politik der Vergangenheit fortsetzt, hat die Slogans der Wahlkampagne „Hope“ und „Change“ mit bedauernswerter Ironie erfüllt.

Die Sammlung ist aber auch eine Erinnerung an Obamas wichtigste Stärken: Seine Fähigkeit, auf Menschen jedweder ethnischer Herkunft und ökonomischem Hintergrund zu wirken, indem er unterschiedliche Aspekte seiner eigenen Identität betont. Und tatsächlich zeigen zwei Poster in Design für Obama sein Portrait als puren Umriss ohne Gesichtszüge, was mich an die Zeit erinnert, als er vor einem Publikum in Iowa sagte, dass er nur „ein unvollkommener Träger für eure Hoffnungen und Träume sei“.

Im Sommer vor den Wahlen gründete ein Grafikdesign Student namens Aaron Perry-Zucker eine Website designforobama.org als Forum für Amateure und Professionelle, die Posterideen für die Obama Kampagne haben. Perry-Zucker zufolge gabe es Tage, an denen auf der Website dutzende Poster eingingen. Spike Lee hörte von diesem Projekt und half ihm, mit dem Taschen Verlag Kontakt aufzunehmen. Design for Obama veröffentlicht über 200 der besten Einsendungen.

Die Betonung auf Design

Der Katalog zeigt auf seiner inneren Umschlagseite 180 Miniaturposter: Eine Flut an Obama Gesichtern mit sich stetig wiederholendem Begleittext „Hope“, „Change“ und „Yes We Can“. Obama als moderner JFK, Obama als Superman oder noch alberner: Obama als Rockstar oder Basketballspieler. Es wäre leicht, viele dieser Images aus Sentimentalität oder Naivität oder Kritik an den heroischen Darstellungen Obamas lächerlich zu machen. Ein amerikanischer Kritiker hat Images von Obama mit „Andachtsbilder“ betitelt, worauf man nur antworten kann: Ja, na und?

2004 dachte kaum ein Künstler an heroische Darstellungen von John Kerry, und Basisorganisationen der Linken produzierten Materialien, die gnadenlos Bush kritisierten, aber nicht imstande waren, Enthusiasmus für seinen Kontrahenten aufzubringen. Performance Aktivisten wie die Billionaires for Bush (Milliardäre für Bush) führten Scheindemonstrationen auf, Künstler wie Richard Serra und James Rosenquist steuerten Anti-Bush Arbeiten für die ArtForum- Spezialausgabe zu den Wahlen bei, und MoveOn.org führten einen Anti-Bush Video Wettbewerb durch. Wenn John Kerry in der Lage gewesen wäre, auch nur ein bisschen sentimentale Zuneigung zu wecken, hätte er vielleicht die Wahlen gewonnen.

Von Anfang an versuchte die Obama Kampagne ein positives Bild von sich zu schaffen und nicht ihre Gegner mit Dreck zu bewerfen. Die Betonung auf Design war kein unwesentlicher Bestandteil, der zum allgemeinen Aufsehen der Kampagne beitrug. Verschiedene Künstler sahen allein in ihrer Auswahl der Schiftart Gotham eine große Bedeutung. Die Schriftart Gotham, schrieb Alice Rawsthorn in The New York Times, „vermittelt eine kraftvolle, wenn auch unausgesprochene Kombination von Raffinesse… mit Nostalgie für die Vergangenheit Amerikas und seinem Pfichtbewusstsein“. Das ‘O’- Logo provozierte ähnliches Lob, obwohl es ein wenig an Pepsi erinnert. Der Urheber dieses Logos, Sol Sender, sagte, dass er sich nicht hätte vorstellen können, wieviel Kreativität Menschen durch die Adaption seines ‘O’ entwickeln würden.

Ende eines Personenkults

In Design for Obama findet man Künstler, die mit dem Logo und der Schriftart spielen, um den Kandidaten traditioneller und patriotischer wirken zu lassen (“States United”) oder um seine Wirtschaftspolitik zu betonen (“Polar Bears for Obama”). Während tatsächlich einige Poster die Kritik bestätigen, dass die Obama Darstellungen zur Hagiografie tendieren – mehrere Plakate verwenden das ‘O’ als Heiligenschein – ist es jedoch öfter der Fall, dass jeder Hauch an Frömmigkeit beseitigt wird, um Obama als normalen Durchschnittsmenschen zu portraitieren (“Power to the People”) oder als jemanden, der von normalen Bürgern freudig unterstützt wird (“Baby Got Hope”).

Der ästhetische Wert solcher Plakate bleibt minimal, aber sie dokumentieren den spielerischen Genuss der Obama-Anhänger, die all zu oft als eifrige Gefolgsmänner dargestellt wurden und werden. Auch das Plakat, das die Aufmerksamkeit von Spike Lee erregte, war eine Persiflage auf sein eigenes Filmposter zu Do the Right Thing von 1989 (“Did the Right Thing”). Designer Don Button klebte Obamas Konterfei auf den Körper des Pizza-Lieferanten und Bidens Gesicht auf den des italienischen Restaurantbesitzers—nicht gerade ein Zeichen großer Ehrfurcht.

Allerdings zeigt das Plakat, wie sich das Land seit Lees Film über einen Rassenkrawall verändert hat. Wenn Obama in diesem Jahr schwächer geworden ist, liegt es nicht daran, dass seine ethnische Koalition zusammenbricht. Stattdessen fängt die politische Koalition an zu bröckeln – teilweise wegen der Widerspenstigkeit der Probleme, die Obama von seinem Vorgänger geerbt hat, aber auch wegen Obamas unnötigen und unklugen Zugeständnissen an seine Kontrahenten und nicht zuletzt, weil viele seiner Anhänger es nicht geschafft haben, Ihr Interesse an Politik auch noch nach den Wahlen aufrechtzuhalten. Diesbezüglich ist Design for Obama ein Zeugnis dafür, wie schnell ein Personenkult in einer Demokratie untergehen kann.

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