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Bjørn Melhus: Live Action Hero

Daniel Mufson

“Das ist das Movie, aber wo ist der Held?”, so fragt eine Stimme in Bjørn Melhus’ Video “Auto Center Drive” von 2003. In der Solo-Ausstellung des Künstlers im Haus am Waldsee, “Live Action Hero”, führt diese Frage zu einer weiteren: Wo kann man noch mehr Werke von Melhus sehen?

Das Plakat zeigt den 1966 geborenen Künstler als langhaarigen Mann mit Dreitagebart im Tarnanzug. Mit aufgerissenen Augen starrt er den Betrachter an. Aus der linken Ecke kommt seine rechte Hand und richtet eine grotesk überdimensionierte Pistole gegen seine Schläfe. Erinnern die frontale Gestaltung, direkter Blick und Position der Hand mit Absicht an das Münchner Selbstbildnis von Abrecht Dürer? Jedenfalls ein schöner, ironischer Kontrast.

Denn Melhus stellt das Ich überwältigt von der Allgegenwärtigkeit der Medien dar, das Ich wird zur Schöpfung der Medien. Dürers Selbstporträt behauptete hingegen das Erstarken des künstlerischen Ichs, den Künstler als Schöpfer. Melhus aber richtet eine Waffe gegen sich, den Künstler. Der Professor für Kunst und Virtuelle Realitäten in Kassel spielt zwar jede Figur in fast jedem Video, aber seine Identität geht verloren im Gewühl medialer Archetypen, ähnlich wie sich Cindy Shermans Selbst in ihren „Untitled Film Stills“ (1978) verliert. Melhus kann als Captain Kirk aus „Star Trek“, als bewaffneter Guerilla zu Pferd oder Mutter eines heimkehrenden Veterans auftreten. Doch anders als Shermans Filmstills sind Melhus’ Darstellungen stark verfremdet, absurd, sogar surreal.
Und während Shermans Fotografie stumm bleiben musste, hallen Melhus’ Werke geradezu symphonisch, manchmal elegisch, manchmal böse, mal satirisch, mal hermetisch und sehr oft humorvoll. Seine Videos sind nicht nur eine visuelle sondern auch rhythmische, auratische Collagen von Ausschnitten und Zitaten aus hauptsächlich US-amerikanischen Fernsehsendungen, Filmen und Pop- und Rockliedern. Melhus zählt zu den wenigen Videokünstlern, deren Werke auch mit geschlossenen Augen goutiert werden könnten.

Die aktuelle Ausstellung zeigt Arbeiten von 1991 bis 2011 und deutet an, wie vielseitig der Künstler ist. Was trotz einer relativ kleinen Installation für 16 Fernseher fehlt, sind Werke wie „Primetime“ oder „Still Men Out There“, Installationen, die zeigen, wie Melhus große Räume gestalten kann. Das mindert aber kaum die Leistung einer Ausstellung, die einen Überblick über das Schaffen eines bedeutenden Videokünstlers bietet.

Erst erschienen in Zitty, 24. März – 6. April 2011, S. 88.

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