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Jack Smith als antikapitalistischer Gegenpol zu Warhol

Von Daniel Mufson
Erst erschienen in Der Freitag (online), 30. Oktober 2009.

Seine Filme wurden nie fertig, sie waren chaotisch und anstrengend. Trotzdem ist Jack Smith einer der großartigsten Avantgardisten der Filmgeschichte

Jack Smith war „der einzige, wahre Untergrund-Filmemacher“, sagte John Waters 2006 in dem Dokumentarfilm Jack Smith and the Destruction of Atlantis. Wer sich mit Experimentalfilm oder dem avantgardistischen Theater des 20. Jahrhunderts beschäftigt, erkennt in Smith eine einzigartige Mischung von allgegenwärtigem Guru und ausweichender Schattenfigur: Er hat Prominente wie Andy Warhol, Cindy Sherman und Federico Fellini beeinflusst, sein Name kommt ständig in kritischen Berichten über die Kunstszene der sechziger und siebziger Jahre vor.

Aber selbst sein berühmtester Film, Flaming Creatures (1963), ist eher ein Event, das diskutiert wurde, als ein Film, den man sah. In den Sechzigern in 22 amerikanischen Bundesländern und vier Nationen verboten, war Flaming Creatures nie auf VHS oder DVD zu kaufen. Heute ist dieser Film nicht einmal auf You Tube zu sehen. (Ein US Senator sagte damals: „Dieser Film war so ekelhaft, dass ich nicht einmal eine Erektion bekam.“)

Chaotischer Zustand

Nach dem Verbot von Flaming Creatures drehte Smith keinen seiner Filme mehr zu Ende, er hat aber nie aufgehört zu filmen. Wenn ein Film nie fertig gedreht wird, so dachte er, kann er nicht verboten werden. Er sah sich als antikapitalistischer Gegenpol zu Warhol und weigerte sich, vermarktet zu werden. Ihn interessierte die Performance, und er benutzte seine filmischen Fragmente als Hintergrund für seine Theaterdarstellungen. Andere Filmmaterialien wurden nach seinem Tod an AIDS, 1989, im chaotischem Zustand gefunden. Es folgten Jahre des Rechtsstreits zwischen den Erben und einer Stiftung, die Plaster Foundation, die Smiths Werke bewahren wollte.

Und jetzt haben die Filme also ihr zu Hause in Berlin gefunden. Berlins Arsenal war schon seit den Neunzigern mit der Plaster Foundation in Kontakt und hat die Restaurationsbemühungen unterstützt. Ergebnis: die Foundation hat die restaurierten Filme dem Arsenal überlassen. Dieses Geschenk wird mit fünf Tagen Filmvorführungen, Vorträgen und Performances im Arsenal und im HAU/Hebbel am Ufer gefeiert.

Ein Dutzend Menschen

Die Vorstellungen von Smith in seinem Loft in Soho fingen nie pünktlich an — man war oft nicht sicher, ob sie überhaupt angefangen hatten, da die Linie zwischen Wirklichkeit und Performance nicht klar gezogen wurde. Smith unterbrach die Vorstellungen ständig, um die Schauspieler zu beschimpfen. Man hatte den Eindruck, die Vorstellung käme fast beliebig zu Ende, um dann wieder vom Anfang anzufangen.

Die damalige Darstellerin und jetzige Village Voice-Kritikerin Amy Taubin schreibt, dass durchschnittlich ein Dutzend Menschen im Publikum saßen. Bis heute sind seine Performances nur durch einige schriftliche Schilderungen bekannt, aber nun hat das Arsenal auch einige Aufnahmen, die ein Muss für alle Anhänger dieses Performancegenres sind. Trotzdem muss man als Zuschauer arbeiten, während man diese Filme betrachtet, denn die Qualität, ist trotz Restauration mangelhaft. Zudem braucht man Phantasie, um sich vorzustellen, wie revolutionär solche Arbeit war, als sie vor 40, fast 50 Jahren geschaffen wurde. Dennoch kamen am zweiten Tage des Festivals mehr als hundert Menschen ins Arsenal. Wenn es doch so viele Unterstützer gegeben hätte, als Smith noch am Leben war.

Hintergrund

Das Festival, „Live Film! Jack Smith! Five Flaming Days in a Rented World“ fing Mittwoch an und endet erst gegen Mitternacht am Sonntag.

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